"Aphorismus - Lebensweisheit im Taschenformat"??
Eine launige Betrachtung
Für die großformatige Plakatwerbung in Graz haben wir den ersten Aphorismus zu Papier gebracht. Dieser Spruch hat dann auch ein Lesezeichen geziert, das 1000fach verteilt wurde. Man hat uns bezichtigt, den Sinnspruch "Das Lachen eines Kindes ist wie ein Stück des Himmels" irgendwo abgeschrieben zu haben! Darauf haben wir gleichsam zum Trotz annnähernd 200 (!) neue geschrieben. Etwa die Hälfte davon weist die Qualität des ersten auf.
Es erhebt sich also die Frage, wie man denn einen solchen Aphorismus verfasse.
Nun, am besten verdeutlicht man das an einem Beispiel.
Wohlan, lasset uns also gemeinsam - Schritt für Schritt - einen coolen Aphorismus voller "Altklugheit" für ein Lesezeichen schreiben!
Die Vorgaben sind klar, aber enorm hart: Damit unsere Lebensweisheit nicht seicht oder verwässert wird, soll sie lediglich aus drei Zeilen bestehen. Da kennt der Designer leider keine Gnade - nach der Formel: 20-15-20. Was soviel bedeutet wie:
In der ersten Zeile stehen maximal 20 Zeichen, in der zweiten 15 und der dritten höchstens 20 Zeichen. Zwischenräume werden nicht gezählt.
Ehe wir unseren Spruch in diese knappe Form gießen können, brauchen wir zunächst einen g'scheiten Gedanken, content nennt man das heutzutage.
Aus heiterem Himmel trifft uns da ein Geistesblitz. In den Sinn kommt uns augenblicklich ein netter Spruch, der da lautet:
"Kinder, die nicht geliebt werden, werden Erwachsene, die nicht lieben" oder so ähnlich.
Angeblich stammt er von Pearl S. Buck. Die Latte liegt hoch, doch nur an guten Leuten, sprich Nobelpreisträgern, kann man sich messen! *smile*
Dieser Spruch ist glücklicherweise enorm lang, was ihn zum Abkupfern vollends unbrauchbar macht. Und außerdem - er wäre ja nicht von uns!
Der vorliegende Beispielsatz erhebt zu sehr den pädagogischen Zeigefinger, und die doppelte Verneinung macht ihn im wahrsten Sinne des Wortes schwer negativ. Wir hingegen wollen ein leuchtendes, positives Beispiel setzen.
Wie dem auch sei! Nun denn, frohgemut ans Werk! Ersetzen wir diesen Sinnspruch zunächst einmal durch einen formlosen bejahenden Satz:
Nur ein geliebtes Kind
wird ein
liebesfähiger Erwachsener.
wird ein
liebesfähiger Erwachsener.
Was hiebei sofort ins Auge springt: Die letzte Zeile ist zu lang, obendrein äußerst schwerfällig und holprig. Die lassen wir gleich einmal abseits liegen. Widmen wir uns besser der ersten Zeile! Intuitiv fühlen wir, daß "geliebtes Kind" poetisch irgendwie zu schwach und auch zu banal wirkt. Ersetzen wir es halt durch - ja wodurch?
Versuchen wir es einmal durch "Kind der Liebe"!
Nur ein Kind der Liebe
wird ...
wird ...
"Kind der Liebe" hört sich zwar äußerst poetisch an, klingt jedoch allzu sehr nach Schlafzimmer.
Vielleicht bringt's dann "Liebeskind"?
Nur ein Liebeskind
wird ...
wird ...
"Liebeskind" hat im wahrsten Sinne des Wortes eine andere "Stoßrichtung". Es hört sich weniger nach Pflicht im Schlafzimmer, dafür gegenteils nach außerehelichem Spaß an. Auch der zweite Versuch läuft in die Irre.
Jetzt aber haben wir es - und schreiben:
Nur Kinder der Liebe
werden ...
werden ...
"Kinder der Liebe"? Das klingt ja nach einer Sektengemeinschaft oder zumindest einer Kommune. Ebenfalls nichtig.
Na super! Ein gutes Stück Gedankenarbeit, und wir sind keinen Millimeter weiter!
Ein neuer Ansatz muß her, und zwar umgehend.
Nur wer geliebt wird,
kann
auch lieben.
kann
auch lieben.
Ja, der klingt nett. Wir sind von uns begeistert!
Beim zweiten Lesen wirkt er aber doch dürr, ja, etwas dürftig sogar. Und er hört sich nach tantenhafter Bassenaweisheit an. Aber das Schlagende für uns: Er hat keinerlei Bezug zu Kindern. Dieser ist aber schnell eingefügt.
Nur wer als Kind geliebt wird,
kann
auch lieben.
kann
auch lieben.
Durch den flugs erweiterten Textteil wird der Spruch allerdings leicht kopflastig und der zweite Teil gleichzeitig zum Fliegengewicht! Dem begegnen wir durch eine Erweiterung des Hauptsatzes.
Nur wer als Kind geliebt wird,
kann
später auch lieben.
kann
später auch lieben.
"Später"? Wann denn sonst?!
Zu allem Überdruß haben wir jetzt einen gedanklichen Pleonasmus eingebaut. Computerleute nennen das: Redundanz. Also, weg mit "später", und zwar gleich! Doch - was schreiben wir stattdessen?
Die Erleuchtung folgt scharfen Sinnes auf dem Fuß:
Nur wer als Kind geliebt wird,
kann
auch widerlieben.
kann
auch widerlieben.
"widerlieben" - ja, das ist es! Es klingt g'scheit, manche sagen "geil", und ist mitnichten alltäglich. Gut, der Inhalt ist mittlerweile vollständig vorhanden, nur - das Ganze ist jedoch, auch rhythmisch gesehen, derweil noch ein Sauhaufen.
Lassen wir es setzen, der Kopf arbeitet indessen ohnedies weiter. Eine halbe Stunde später, im Kino, schießt uns die verdichtete Lösung ein, wie dem Bock die Milch. Wir borgen uns im Foyer einen Stift und halten fest:
Nur wer als Kind geliebt,
ist fähig,
auch zu widerlieben.
ist fähig,
auch zu widerlieben.
Zufrieden stecken wir den Zettel ein und steigen vor Stolz wie der Hahn am Mist.
Zwei Stunden später. Den Zettel erneut hervorgekramt - und wir trauen unseren Augen nicht! Da steht doch allen Ernstes "auch zu widerlieben"! Mitunter sollte es vielmehr "auch widerzulieben" heißen, machen wir uns innerlich über uns selber lustig. Die letzte Zeile klingt nicht g'scheit, ja, geradezu das Gegenteil. Es ist geschwollen bis dort hinaus, so etwas von sperrig, gespreizt, pseudo und, was weiß ich, noch etwas.
Aber innegehalten! Die endgültige Form liegt doch vor Augen, allerdings nur, wenn man auf selbigen keine Schwielen hat! Streichen wir doch kurzerhand das widerborstige Wider und schreiben knapp:
Nur wer als Kind geliebt,
ist fähig,
auch zu lieben.
ist fähig,
auch zu lieben.
Ja, das fechst! Es hört sich richtig edel an, hat Pfiff und ist vor allem rhythmisch gesetzt.
Zudem brechen die Beistriche den Text gedanklich und auch formal an der richtigen Stelle, was ihm noch mehr Spannung verleiht. Obendrein verweist das PPP "geliebt" verbindlich aufs Passiv.
Und unsere eingängliche Vermutung soll sich nachträglich bewahrheiten: "Geliebtes Kind" nimmt sich gegenüber dem Subjektssatz "Nur wer als Kind geliebt" als äußerst farblos aus. Hier zum melodischen Vergleich:
Nur ein geliebtes Kind
ist fähig,
auch zu lieben.
ist fähig,
auch zu lieben.
So weit, so gut!
Unseren soeben komponierten Spruch mit den beiden Kommata lassen wir neben all den anderen Sprüchen natürlich durch verschiedene Leute testen. Die Erwartung erfüllt sich. Sensible Menschen wählen ihn mit klarer Mehrheit als sinnhaft, eingängig und treffend aus.
Der Spruch hat schlichtweg das Zeug zum Klassiker.
Unser gemeinsames Experiment haben wir erfolgreich abgeschlossen und das neue Sprüchlein braucht sich neben Pearl S. Buck keineswegs zu verstecken.
Auch Nobelpreisträger kochen nur mit Wasser ...
So, den haben wir gemeinsam fabriziert. Aber jetzt wird es richtig haarig!
Als Hausübung gilt es, einen Aphorismus zu verfassen, der den Umstand zum Thema hat, daß Kinder alles im wahrsten Sinne des Wortes "begreifen", um zu lernen.
Oder stellen Sie sich irgendein anderes Szenario vor. Schicken Sie uns Ihren Erguß aufs Mailkonto
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. . Herzlichen Dank im Voraus.
Wenn Ihre gegossene Lebensweisheit die Latte edlen Anspruchs überspringt, wird sie in Form eines Lesezeichens gedruckt oder ziert ein Kalenderblatt über die Kinder. Selbstverständlich werden Sie dick und fett als Autor verzeichnet. Wir sind auch über jeden anderen Dreizeiler mit maxmimal 55 Zeichen dankbar.
Und falls Sie es nicht bis dahin schaffen, seien Sie nicht enttäuscht. Selbst eine Direktorin der Mittelschule, die dort Deutsch unterrichtet, hat das Handtuch geworfen. Hier gilt sicherlich der Grundsatz: Wer es kann, macht es auch - wer es nicht kann, der lehrt es!
Zudem - auch eine Textdichterin (!) für verschiedene Musikgruppen brachte diesbezüglich nichts auf den Markt ...

